Geschichten aus der Adventszeit 2016

Ankommen dürfen

Als ich am Nikolaustag die Fensterkrippe im „Anderen Advent“-Kalender fand, hatte ich sofort die Idee zu diesem Projekt und über Nacht den Flyer entworfen. Ich habe die Jungs eingeladen, sich allabendlich zu später Stunde mit mir bei Tee und weihnachtlichem Gebäck zu „Adventsgeschichten“ zusammenzusetzen. Die Themen gibt die Fensterkrippe vor, Heimat, Vertrauen, Gerechtigkeit, Freude ,Verheißung, Geborgenheit. Ich habe sie auch in Persisch, Arabisch und Tigrinja auf meinen Flyer gedruckt und bin begeistert, dass so viele der Jugendlichen das Projekt annehmen. Als wir am ersten Abend bei Kerzenschein und Plätzchen über Heimat sprachen und den Stall ans Fenster klebten, haben die Jungen von ihren Herkunftsfamilien und Ländern erzählt, von Gebräuchen und Festen und ich vom Warten auf Weihnachten meiner Kindheit. Bei der Erklärung des Begriffs Advent warf ich die Frage in den Raum, ob die Jungs sich angekommen fühlen in Deutschland, in unserer Stadt, hier im Wohnheim.

Musa* sagte: „Ja, wenn ich Schulschluss habe, sage ich, ich gehe nachhause.“ Matin* ergänzte: „Hier ist auf jedem Fall jetzt Heimat, aber in meinem Dorf, bei meiner Familie in Afghanistan auch. Ich habe zwei Heimaten.“ Minou* wirkte bedrückt: „Ich habe nur noch das Wohnheim.“ Alle nickten, wissend dass seine Familie umkam. Menkem* aus Eriträa ergänzte, dass auch durch uns Betreuer jetzt hier Heimat entstanden ist. Ich erwähnte, dass Sprache auch Heimat schafft und lobte die Jungs: „Wenn wir hier sitzen und ich mit euch auf deutsch über solche Themen sprechen kann, bin ich begeistert, wie schnell ihr die Sprache erobert habt. Ich kann ja auf arabisch und persisch grade mal drei Schimpfwörter inzwischen und auf Tigrinja nicht mal das.“ Alle lachten. „Sie sind eben alt.“ scherzte Musa. Das ist eine Erklärung.

Am zweiten Abend diskutierten wir über Vertrauen, welches in farsi und arabisch der gleiche Begriff wie „glauben“ ist. Ein Fazit des Gesprächs ist, dass Vertrauen aus Erfahrung und Beziehung wächst und dass dies Zeit braucht oder wie Munir*, der meist gut überlegt, was er sagt, es zusammenfasst: „Ich habe Sie lange beobachtet, jetzt vertraue ich Ihnen.“ Das dritte Adventsgespräch über Gerechtigkeit ist Menkems Thema! Der anfangs sehr zurückhaltende 17-jährige diskutiert mittlerweile regelrecht hartnäckig, wenn er Ungerechtigkeiten wahrnimmt. Es schließt sich ein spannender interreligiöser Diskurs zwischen Moneeb und mir über Gottes Gerechtigkeit an. Am vierten Abend fragen einige der Jungs bereits vor Neun Uhr, ob wir uns wieder treffen. Manssur kocht schon mal Tee, ich schneide einen weiteren Bäckerstollen auf, weil Massih schon bemerkte, dass diese leckerer seien als der billige aus dem Discounter. „Was fällt euch zum Thema Freude ein?“ „Feiern.“ „Tanzen!“ und schon tönt aus einer kleinen Box afghanische Volksmusik und wir tanzen gemeinsam. Am fünften Abend ist fast die gesamte WG bei einem Basketballspiel. So klebe ich den Engel und die Krippe ans Fenster, mache Fotos und „buchstabiere“ die beiden Begriffe für mich. Als die Jungen zurückkommen, fragen nur zwei nach dem Adventsgespräch, es ist zu spät geworden. Ich verspreche die Fortsetzung am Heiligabend: „Wer möchte, kommt mit in die Kirche, das Krippenspiel anschauen, danach gibt es mein spezial Weihnachtsessen. Und wir können dabei über Verheißung und Geborgenheit reden und über die Weihnachtsgeschichte.“ Was meinen traditionellen Kartoffelsalat angeht, mache ich mir keine Sorgen um den Abschluss des Projektes.

Ich habe keine Ahnung, ob die Jungs sich trauen werden, die Kirche, die unsere direkte Platznachbarin auf dem Markt ist, zu betreten. Dass Jesus so oder so – eben auf seine Art – bei den Flüchtlingsjungen ankommt, wage ich zu hoffen. Es ist nicht nur mein Advents-Projekt!

* Namen geändert

Petra Ng'uni

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