Geschichten aus der Adventszeit 2017

 

Adventskaffee

„Ich liebe diese Musik!“ Marlen* strahlt übers ganze Gesicht. Gerade hatte sie Ansätze von akrobatischen Übungen in ihren wilden Tanz eingebaut, was dazu führte, das Mojgan* sich herausgefordert fühlte, seinen 170° Spagat vorzuführen. Alle klatschen begeistert. Dann tanzen wir wieder im Kreis, einschließlich zwei Rollstuhlfahrern. Wie selbstverständlich tanzen Manssur* und Milazim* mit unseren Gastgebern. Meine Kollegin Martina* und Mareike*, eine Betreuerin im Wohnheim für behinderte Menschen, haben sich ebenfalls auf die Tanzfläche begeben. Mortaza* dreht die afghanische Musik laut. Ich tanze mit Frau Maier*. Die gehörlose Frau hat mich gerade, auf die Kakaodose zeigend, gefragt wo ihre beiden afrikanischen Tanzpartner der letzten Runde abgeblieben sind. Medhin* und Mustaq* haben sich schon auf den Heimweg gemacht.

Malik*, der mehrere afghanische Plätzchen, die Mortaza am Vortag gebacken hat – diese sehen, auch größenmäßig, wie ungebratene Buletten aus, schmecken jedoch stark nach Kuchen – sowie einige Scheiben Stollen verdrückt hat, braucht jetzt ebenfalls etwas Bewegung. Unaufgeregt aber aufmerksam wie immer räumt inzwischen Miran* das Kaffeegeschirr ab. „Unser Miran ist ein ganz Lieber. Ich habe letzte Woche mit ihm Karten gespielt.“ erzählte Herr Müller* mir vorhin beim Kaffeetrinken, als Miran geschickt einen Bewohner im Rollstuhl in den Raum schob. „Ja, das ist er.“ habe ich geantwortet.

Unser Begegnungsprojekt ist wie vieles in der Arbeit mit den Flüchtlingsjungen eher ein Zufallsprodukt als von langer Hand geplant. Das Gebäude in der Bergallee verfügt über zwei Dinge, die wir in unserem Haus nicht haben: einen großen Saal und einen Hof! Diese Lokalitäten wollten wir in den Herbstferien für einen Grillabend mit den Jungs nutzen. Plötzlich bekam ich die Info, dass dies eine gemeinsame Veranstaltung würde und hatte, wie Mareike aus dem anderen Wohnheim, den Organisationshut auf. Nachdem wir für das Grillfest die Rahmenbedingungen - kein Schweinefleisch und keinen Alkohol sowie die Möglichkeit, zu tanzen - abgesteckt hatten, machten wir uns natürlich Gedanken, wie die Veranstaltung verlaufen könnte.

Vorurteile gab es schließlich auf beiden Seiten. In einigen Herkunftsländern der Jungs ist Behinderung ein Thema, dass mit vielen Tabus besetzt ist, die Menschen werden oft in den Familien versteckt. Da brauchen wir aber nicht von oben herab blicken. Ich erinnere mich an von den Kirchen zu tiefsten DDR-Zeiten organisierte Treffen mit behinderten Jugendlichen, die unglaubliche Biografien hatten, an meinem Besuch in einer großen „Anstalt“ wie es der Volksmund damals noch nannte, an die Ausgrenzung lernbehinderter Kinder zu meiner Schulzeit und die vorgeschlagene Einschulung meines Sohnes in der Sonderschule für Körperbehinderte, versteckt am Rande des Seeberges gelegen. Weiter in der deutschen Geschichte zurückgehen will ich lieber nicht.Und was die Bewohner des Hauses in der Bergallee angeht; sie gucken Fernsehen, sie lesen Zeitung und sie haben schon viel gehört von den schlimmen Jungs, die da aus fremden Ländern über unser Sozialsystem und deutsche Bürger herfallen und so weiter. Trotzdem, Mareike und ich hofften einfach, dass Integration und Inklusion durch den Magen geht, ein bewährtes Prinzip zumindest vieler interkultureller Begegnungen.

An einem eiskalten Oktoberabend trafen wir mit unserem Grillgut im Hof des Heimes ein, es war klar, dass sich außer dem Grill nichts im Freien abspielen konnte. Die Jungen packten unsere mitgebrachten Salate aus und Herr Maler* , der Grillmeister der Einrichtung, legte zaghaft die ersten Geflügelbratwürste und Grillspieße auf den Rost. Die Jungs hatten eine Menge Fleisch mitgebracht und so zog sich die Aktion hin, nach einer Stunde hatte aber jeder etwas auf dem Teller. Alle waren unsicher. Unsere Jugendlichen beäugten die Rollstuhlflotte und wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten, saßen also vorerst in ihrer Ecke und vertilgten die Leckereien, so wie sie frisch vom Grill hereinkamen. Das gleiche taten die Gastgeber. Diese fragten mich und meine Kollegin über die Jungen aus. Nur Mojgan, der flink mit dem Fleischteller hin und her flitzte und Miran, der sich wie selbstverständlich neben Herrn Müller setzte und ihm half das Fleisch kleinzuschneiden, schienen keine Berührungsängste zu haben. Nachdem wirklich alle satt waren, stellten Manssur und Malik afghanische Musik an. Nach einer kurzen Aufwärmphase trauten sich die ersten Jungs, etwas vorzutanzen. Nun hielt es auch die anderen nicht mehr auf den Plätzen und bald bewegte sich eine bunte Tänzerschar nebst einigen Rollstühlen im Rhythmus der Musik. Die Anderen klatschten dazu. Das Eis war gebrochen. Beim Abschied fragten die Bewohner: "Kommt ihr mal wieder?"

Mareike und ich beschlossen, ein längerfristiges Projekt mit quartalsweisen Veranstaltungen daraus werden zu lassen. Am Sonntag nach dem Grillabend kam Miran begeistert auf mich zu: "Danke für den schönen Abend gestern. Ich mag diese alten Leute!" Ich fragte, ob er dort ehrenamtlich arbeiten möchte. Was er also nun wöchentlich mit Freude macht. Wer hätte das gedacht, denke ich auf dem "Heimweg" ins „Timon“, und lobe Mortaza, Manssur und Malik, die mit dem leeren Kuchenblech neben mir laufen, für ihre Sozialkompetenz: „Ich finde es toll, dass ihr euch so gut mit den Leuten beschäftigt habt.“ Manssur erwidert: „Ist kein Problem, wir sind doch alle Menschen.“ Ich freue mich. Und plötzlich keimt in mir die Idee, dass die Aktion wohl doch von „langer Hand geplant“ sein könnte. Mir wird adventlich ums Herz. Ein Gefühl welches auch der Weihnachtsmarkt vor unserem Wohnheim nicht zunichte machen kann. Miran ist noch zum Aufräumen und Verabschieden seiner neuen Freunde geblieben.

*Namen geändert

Text: Petra Ng'uni

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