21.08.2017

Junge Fremde in Gotha

 

25 Jahre Jugendmigrationsdienst der Diakonie in Gotha

„Wo sind wir zu Hause? In Russland sind wir Faschisten und hier sind wir Russen.“ Diese Aussage eines jungen Aussiedlers hat Sigrid Ansorg sehr bewegt. „Es gibt noch viel Aufklärung zu leisten“, sagt die Sozialarbeiterin. Viele Menschen wissen nichts über die deutsche Geschichte und die Deutschen, die vor 300 Jahren nach Russland umgesiedelt sind, um sich ein besseres Leben auszubauen. Wie sie in dieser Zeit gelebt haben und welche Höhen und Tiefen sie durchlebt haben, ist kaum bekannt. Seit 25 Jahren betreut sie unter dem Dach der Diakonie in Gotha jugendliche Spätaussiedler und inzwischen auch viele junge Flüchtlinge aus Nahost.

Warum Sie sich für die jungen Fremden einsetzt, ist für sie ganz klar: „ Ich habe einen kirchlichen Hintergrund. Schon allein da heraus ist es mir ein Bedürfnis, Menschen zu helfen.“ Gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Jung in Eisenach informiert sie die Neuankömmlinge über schulische und berufliche Möglichkeiten in Deutschland, pflegt einen engen Kontakt mit den Eltern, zumindest wenn sie da sind, organisiert Sprachkurse und klärt die Öffentlichkeit auf.

„Mir begegnen immer wieder so viele Vorurteile und Unwissen, was Flüchtlinge dürfen und was ihnen zusteht“, sagt die Sozialarbeiterin Sigrid Ansorg. Ihres Erachtens hat die Politik versäumt, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen einen Raum für ihre Fragen und Ängste zu geben. So habe die Angst vor dem Fremden weiter zugenommen. Mit der Flüchtlingswelle vor zwei Jahren gab es unendlich viele Angebote zu ehrenamtlicher Unterstützung und Sachspenden. Einige zuverlässige Ehrenamtliche sind geblieben, doch der Ansturm der Hilfsangebote ist stark zurückgegangen.

Da sind immer wieder Lebensgeschichten, die unter die Haut gehen. Da ist ein 18-Jähriger Flüchlting, der fast weinend vor Sigrid Ansorg sitzt, weil er seine Eltern aus Afghanistan nicht nachholen darf. Der Antrag war zwar noch gestellt, als er minderjährig war, aber durch unglückliche Umstände lag er solange in Ämtern oder war zwischen Ämtern unterwegs, dass er inzwischen 18 ist und ohne Anspruch darauf, bei seinen Eltern sein zu dürfen. Er kann auch nicht zurück, weil die Taliban in seinem Dorf leben.

„Es berührt mich sehr, wenn ich dabei bin, wenn sich Eltern und Kinder wieder sehen“, sagt sie. Die Mütter und Väter sind unendlich erleichtert und weinen, wenn sie nach Jahren der Ungewissheit ihr Kind lebend und sicher wieder in die Arme schließen können.

Die Zahl der Flüchtlinge hat sich in den letzten Jahren rapide erhöht. Spätaussiedler gibt es dagegen kaum noch. Als Sigrid Ansorg vor 25 Jahren mit ihrer Kollegin Frieda Gerschal begann, betreuten sie um die 500 Spätaussiedler. Weil der Jugendmigrationsdienst ein kaum bekanntes Angebot war, gingen die beiden Frauen direkt in die Flüchtlingsheime nach Tambach-Dietharz oder Waltershausen.

Die Spätaussiedlerin Larissa Kilbär erinnert sich an diese Zeit. Ihre Tochter Katja war damals 15 Jahre alt und langweilte sich mit anderen Jugendlichen im Flüchtlingsheim. Mit Hilfe des Jugendmigrationsdienstes wurde eine Band gegründet, in der ihre Tochter begeistert mitspielte und komponierte. „Wir waren sehr zufrieden und es gab keine Probleme mit Rauchen oder Trinken“, sagt ihre Mutter. Sie kam vor 20 Jahren als Musiklehrerin nach Deutschland und leitet heute den Chor Kalinka. Zwölf Frauen und ein Mann singen russische Weisen, gestalten russische Feste mit russischen Märchen, schreiben ihre Stücke und die Musik selbst, nähen traditionelle Kostüme und entwerfen auch die Kulisse selbst. Sie sind gern gesehene Gäste bei offiziellen und nicht offiziellen Anlässen.

Sie werden auch am 25. August 2017, beim Interkulturellen Fest auftreten, das aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Jugendmigrationsdienstes (JMD) in Gotha stattfinden wird. Der JMD arbeitet unter dem Dach des Diakoniewerkes Gotha, das in diesem Jahr sein 170-jähriges Bestehen feiert.

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